TL;DR: Die markführenden LLMs sind darauf ausgelegt, ihrem Gegenüber zuzustimmen, um als hilfreich wahrgenommen zu werden. Bei aktuellen KI-Modellen zeigt sich das besonders deutlich: Hinterfragst du eine Antwort, ändert die KI ihre Meinung. Dieses Verhalten nennt man auch Sycophancy-Effekt: Die KI übernimmt Annahmen ungeprüft, widerspricht nicht und bleibt nicht bei ihrer ursprünglichen Einschätzung. Das ist im PR-Alltag nicht nur nervig, sondern wird überall dort zum Problem, wo KI im Einsatz ist. In diesem Beitrag zeigen wir, wie du den Effekt erkennst und mit professionellem Prompting in der PR gegensteuerst.
Quelle: @sanket_mishra https://unsplash.com/de/fotos/eine-nahaufnahme-eines-mobiltelefons-mit-einer-textnachricht-p81GrhuTQho
INHALT
1. Was ist der Sycophancy-Effekt?
Der Sycophancy-Effekt (Sycophancy: Anbiederung) beschreibt ein typisches KI-Verhalten: Aktuelle KI-Tools stimmen lieber zu, als zu widersprechen. Statt Aussagen zu prüfen oder einzuordnen, übernehmen sie einfach die Sichtweise, die im Prompt angelegt ist. Wenn du etwas als Tatsache formulierst, behandelt die KI es meist auch so. Die KI will hilfreich, kooperativ sowie kompetent wirken und nicht unbedingt recht haben. Dieser Effekt hat sich mit dem Update für GPT-4o im April 2025 verstärkt. Er erinnert an Dark Patterns aus dem UX-Bereich: Interface-Tricks, die User zu Handlungen verleiten, die sie eigentlich gar nicht wollten. Zum Beispiel schwer kündbare Abonnements.
Studien, unter anderem von Anthropic, untermauern diese Phänomen: Wenn Nutzer*innen eine Aussage im Prompt selbstbewusst formulieren oder als gegeben darstellen, übernehmen viele Sprachmodelle diese Annahme. Die KI hinterfragt nicht, sondern spinnt die Aussage einfach weiter. Und das oft so überzeugend, dass es auf den ersten Blick richtig scheint. Damit wird der Prompt selbst zum entscheidenden Einflussfaktor auf den Inhalt. Deshalb spielt Prompting in der PR eine zentrale Rolle: Wie du fragst, entscheidet darüber, ob KI nur Outputs liefert, die dir zustimmen, oder ob sie mitdenkt.
1.1. Wie zeigt sich das im PR-Alltag?
Ein Beispiel aus der Praxis: Du nutzt KI für die Themenrecherche und gibst folgenden Prompt ein:
„[Unternehmen A] gilt als technologischer Vorreiter im Bereich Cybersecurity. Welche Aspekte unterstreichen diese Rolle?“
In den meisten Fällen wird die KI nicht prüfen, ob diese Einschätzung stimmt. Sie nimmt sie als Ausgangspunkt und liefert plausibel klingende Argumente, Marktbeobachtungen und Formulierungen, die deine Annahme stützen.
Dann fragst du weiter nach: „Es gibt doch auch [Unternehmen B] und [Unternehmen C], die vorne liegen, oder?“
Und die KI passt sich an:
„Stimmt, guter Punkt. Auch [Unternehmen B] und [Unternehmen C] spielen eine führende Rolle.“
Die KI hat sich nicht korrigiert, weil sie neu recherchiert oder ihre erste Antwort überprüft hat. Sie passt sich an, weil sich dein Impuls geändert hat. Das ist der Sycophancy-Effekt: Die KI hält nicht an ihrer Position fest, sondern folgt dem Gespräch. So entstehen scheinbar schlüssige Narrative, die aber fachlich falsch sein können. Und solche Inhalte sollten nicht in Pitches, Fachartikeln oder Präsentationen landen.
Gleichzeitig zeigt sich hier, wie bei allen KI-Anwendungen: KI ist nur ein Tool. Es braucht weiterhin den PR-Profi, der einordnet, hinterfragt, korrigiert und richtig promptet. Problematisch wird es, wenn KI-Ergebnisse ungeprüft übernommen werden. Die Verantwortung für Qualität bleibt beim Menschen.
1.2. Warum verhält sich die KI so?
Der Sycophancy-Effekt ist kein Zufall und auch kein „Fehler“ der KI. Der Effekt ist das Ergebnis ihres Trainings. KI-Systeme sind darauf optimiert, als hilfreich und angenehm wahrgenommen zu werden. Antworten, die Nutzer*innen zufriedenstellen und Widerspruch vermeiden, schneiden im Training besser ab. Kritische oder widersprechende Antworten werden dagegen häufiger als „nicht hilfreich“ eingeordnet, selbst wenn sie fachlich stimmen.
Über viele Feedback-Schleifen lernt die KI deshalb ein Muster: Zustimmung wird belohnt. Wenn die KI die Annahmen des Users übernimmt und darauf aufbaut, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Antwort positiv bewertet wird. Nehmen wir unser Beispiel von weiter oben. Die KI prüft nicht, ob Unternehmen A wirklich ein Vorreiter ist. Sie übernimmt die Annahme aus dem Prompt und baut das Narrativ einfach weiter aus. Sie ordnet den Sachverhalt nicht kritisch ein und hinterfragt auch nichts von selbst.
2. Wie reduziert richtiges Prompting in der PR den Sycophancy-Effekt?
Ganz vermeiden lässt sich der Effekt nicht. Aber du kannst ihn abschwächen, wenn du weißt, wie KI tickt, und wenn du sie richtig einsetzt. Nämlich durch richtiges Prompting in der PR, das die KI zum Mitdenken und Widersprechen zwingt. Diese Tipps helfen dir dabei:
Tipp 1: Trenne Annahmen von Fakten
Viele Prompts enthalten versteckte Wertungen oder Suggestivaussagen. Die KI übernimmt sie, ohne sie zu prüfen, und schon wird aus einer Annahme eine scheinbare Tatsache. Formuliere deine Fragen deshalb so, dass die KI zwischen Behauptung und Bewertung unterscheiden muss.
So kannst du das umsetzen:
- Do: „[Unternehmen A] wird intern als technologischer Vorreiter gesehen. Bitte prüfe diese Annahme kritisch und ordne sie im Markt ein.“
- Don’t: „[Unternehmen A] ist technologischer Vorreiter. Welche Argumente sprechen dafür?“
Markiere in deinem Prompt wertende Aussagen bewusst als Annahmen und bitte die KI explizit darum das zu prüfen und einzuordnen.
Tipp 2: Sag der KI, dass sie widersprechen soll
Wenn du willst, dass die KI kritisch wird, sag es ihr offen und nimm die Rolle des „Advocatus Diaboli“ ein. Das nennt sich in der Fachwelt auch Adversarial Prompting oder Critique Prompting und funktioniert im Alltag ziemlich gut.
Geeignete Prompts sind zum Beispiel:
- „Welche Argumente sprechen gegen diese Positionierung?“
- „Wo ist diese Argumentation angreifbar?“
- „Welche Gegenmeinungen vertreten Journalist*innen oder Wettbewerber?“
- „Antworte aus Sicht einer kritischen Fachjournalistin.“
Tipp 3: Lass die KI Perspektiven wechseln
KI neigt dazu, Annahmen zu bestätigen, wenn sie nur eine Perspektive kennt. Bitte die KI deshalb um mehrere Blickwinkel.
Zum Beispiel:
„Bewerte diese Aussage aus der Sicht
- eines Branchenanalysten
- eines Wettbewerbers
- einer Redaktion“
So fallen dir rechtzeitig Schwächen auf, bevor du dein Thema weiterentwickelst und für deine Kommunikation nutzt.
Tipp 4: „Klingt gut“ heißt nicht automatisch „stimmt“
KI kann sehr gut formulieren. Manchmal so gut, dass ein Text wirkt, als wäre er fertig. Aber die Inhalte stimmen nicht. Lass dich nicht täuschen. Auch gut klingende Aussagen musst du unbedingt du bewusst prüfen und hinterfragen.
Diese Nachfragen helfen dabei:
- „Worauf genau basiert diese Aussage?“
- „Was fehlt in dieser Argumentation?“
- „Was würde eine Kritikerin daran bemängeln?“
- „Welche Belege wären notwendig, um die Aussage zu stützen?“
3. Fazit: Die richtigen Prompts und Kontrolle durch den PR-Profi
Gute PR mit KI entsteht nicht dadurch, dass man möglichst schnell Texte, Slides oder Pitches produziert. Entscheidend ist, mitzudenken und richtig zu prompten. KI kann bei der Recherche helfen, Argumente ordnen und neue Blickwinkel liefern. Aber sie ersetzt kein Gespür für Themen, keine Erfahrung im Umgang mit Medien und sie darf auf gar keinen Fall Verantwortung für Inhalte übernehmen. KI ist ein super Sparringspartner in der PR, solange man ihr nicht blind vertraut. Mit der Kontrolle durch dich als PR-Verantwortliche*r entsteht eine sinnvolle Arbeitsteilung zwischen KI und Mensch: Das KI-Tool unterstützt; der PR-Profi prüft, entscheidet und übernimmt Verantwortung.
Key Facts: Prompting in der PR
- Der Sycophancy-Effekt beschreibt die Tendenz von KI, Annahmen aus Prompts zu bestätigen.
- KI ist auf Zustimmung und Kooperation trainiert, nicht auf Widerspruch.
- Unsaubere Prompts können zu falschen oder verzerrten Narrativen führen.
- Mit gezieltem Prompting in der PR (z. B. Widerspruch einfordern, Perspektivwechsel) lässt sich der Effekt reduzieren.
- Die Verantwortung für Inhalte bleibt beim Menschen.
- KI eignet sich besonders als Sparringspartner für Recherche, Struktur und Argumentationschecks.
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Über die Autorin
Sabine Sienel ist PR-Expertin durch und durch und hat maßgeblich zum Ausbau von Flutlicht als eine der führenden Technologie-PR-Agenturen im DACH-Markt beigetragen.
Sie verbindet strategische Beratung und Content-Strategien im B2B, um komplexe Themen verständlich und sichtbar zu machen – für Menschen und Algorithmen gleichermaßen. Zu ihren Schwerpunkten zählen die C-Level-Kommunikation und KI-gestützte PR.
Sabine verantwortet das Flutlicht-Blog „Leuchtschrift“ und entwickelt dafür Inhalte rund um Technologie, Digitalisierung und Kommunikation.






