Leuchtschrift

IT-Experten verzweifelt gesucht

Not macht erfinderisch. „Erst Urlaub – dann Arbeit. Softwareschmiede sucht SAP-Berater. Sie spannen erst mal auf unsere Kosten eine Woche auf den Kanaren aus, bevor sie bei uns loslegen.“ Das ist kein Witz, sondern Teil einer Stellenanzeige. Mittlerweile greifen Unternehmen zu ungewöhnlichen Mitteln, um geeignetes Personal zu finden. In diesem Fall handelt es sich um die Sivis Group, ein Software- und Beratungsunternehmen mit etwa 40 Mitarbeitern. Ein halbes Jahr lang hatte die Firma nach einem SAP-Berater gesucht. Vergeblich. Erst nach dem Angebot mit Gratis-Urlaub konnte Sivis die Stelle tatsächlich mit einem qualifizierten Bewerber besetzen.

Es sieht nach harten Zeiten für Arbeitgeber aus, der Fachkräftemangel scheint groß. Besonders laut beklagen ihn die Firmen in der ITK-Branche. Nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom waren im November 2011 in Deutschland rund 38.000 IT-Stellen unbesetzt. Dem standen zu diesem Zeitpunkt 23.000 arbeitssuchende IT-Fachkräfte gegenüber. Laut Bitkom sieht sich jedes dritte IT-Unternehmen durch den Mangel an IT-Profis in seiner Geschäftstätigkeit ausgebremst. Bitkom-Präsident Dieter Kempf spricht gar von einer Milliarde Euro Umsatz, den der Fachkräftemangel die Branche jedes Jahr kostet.

Quelle: Fotolia

 

Ist der Mangel wirklich so akut, wie ihn die Branche darstellt? Sind die Folgen wirklich so gravierend für die Wettbewerbsfähigkeit des IT-Standorts Deutschland? Ich denke, hier ist etwas weniger Drama angebracht. Sicherlich gibt es in einigen Regionen und Berufen zu wenig IT-Experten mit Berufserfahrung, aber eben nicht flächendeckend. Große Unternehmen wie Siemens, Audi, BMW oder Branchengrößen wie Google, Microsoft & Co. erhalten viele Bewerbungen. Das Problem dürfte eher bei mittleren und kleinen Unternehmen liegen; sie tun sich schwer, Top-Leute zu gewinnen.

Zudem sind die Jobaussichten im IT-Sektor nicht für alle gleich gut. Sehr gefragt sind weiterhin Softwareentwickler, hier insbesondere Entwickler von Apps für Smartphones, sowie Spezialisten für Business Intelligence (Big Data), Cloud Computing, IT-Sicherheit und Mobile Computing. Rückläufig hingegen ist der Bedarf in den Bereichen Hardware und Telekommunikation. Nach einer Erhebung von Bitkom ging die Zahl der Beschäftigten in der Telekommunikation seit 2007 um 46.000 auf 222.000 zurück. Es gibt also durchaus auch Verlierer auf dem IT-Arbeitsmarkt.

Bedenklich stimmt, dass trotz der guten Jobaussichten die Zahl der Informatik-Anfänger an Hochschulen 2010 laut Bitkom nur um 2,9 Prozent auf 39.374 Studenten gestiegen ist; jeder fünfte Studienanfänger ist dabei eine Frau (19,4 Prozent). Die Zahl der Studienanfänger wird wegen des demografischen Wandels künftig wohl weiter sinken. Immer mehr Unternehmen gehen daher verstärkt direkt an die Hochschulen, um potenzielle Fachkräfte frühzeitig an sich zu binden.

Bei aller Konzentration auf die Jungen dürfen Unternehmen aber die Alten nicht vergessen.  Zum einen sollten sie die Weiterbildung ihrer älteren IT-Mitarbeiter forcieren, damit diese fit werden für die neuen Herausforderungen. In den letzten Jahren haben jedoch viele Unternehmen ihr Bildungsbudget gekürzt, um Kosten zu sparen. Hier ist ein Umdenken notwendig. Zum anderen ist die Arbeitslosenquote bei ITlern der Generation 50+ besonders hoch. Erhalten sie eine Chance, lindert das den Fachkräftemangel. Wenn der Gesetzgeber zudem noch die bürokratischen Hürden für die Zuwanderung von IT-Experten aus dem Ausland senkt, sieht es doch gar nicht mehr so schlecht aus. Vielleicht ist es dann auch nicht mehr notwendig, IT-Fachkräfte mit einem bezahlten Sonderurlaub zu ködern.

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